Daniel Cohn-Bendit

„WM in Russland boykottieren“

Interview im Weser Kurier vom 07.03.2014 

Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit (Grüne) plädiert in der Krim-Krise für ein entschiedeneres Auftreten gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er schlägt einen Boykott der Fußball-WM 2018 in Russland vor. Zudem übt er scharfe Kritik an Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Alexander Pitz hat mit Cohn-Bendit gesprochen.

 Die EU tut sich schwer mit einer einheitlichen Haltung gegenüber Russland. Kurz vor dem gestrigen Sondergipfel zur Krim-Krise sagte Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault, Sanktionen werde es nicht geben. Damit konterkarierte er öffentlich die Drohungen anderer Staats- und Regierungschefs. Ist das ein weiterer Beleg für die Orientierungslosigkeit der EU in dieser Angelegenheit?

Daniel Cohn-Bendit: Na ja, es gibt eine gewisse Tendenz, von außen immer alles besser zu wissen. Die Lage zurzeit ist nicht einfach. Man muss Russland wieder an den Verhandlungstisch kriegen. Einerseits dürfen wir Putins Vorgehen nicht einfach so hinnehmen, andererseits darf man die Türen nicht ganz zuschlagen. Es war falsch von Ayrault, sich so zu äußern. Es muss einen Stufenplan geben, der alle Möglichkeiten – auch scharfe Sanktionen – beinhaltet. Wenn man etwas von vornherein ausschließt, hat man schon verloren. Putin ist ein cleverer Stratege.

Welche Sanktionen halten Sie denn für geeignet, um Russland zum Einlenken zu bewegen?

Man muss den verantwortlichen russischen Machthabern zeigen, dass sie nicht einfach so tun können, als wäre nichts geschehen – zum Beispiel durch Kontensperren wie jetzt im Falle des ukrainischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch. Ein Einreiseverbot halte ich ebenfalls für denkbar. Zudem müssen wir endlich mal ein ernstes Wort mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sprechen. Es ist einfach unglaublich, was der veranstaltet. Er steht auf der Gehaltsliste des russischen Energiekonzerns Gazprom und torpediert mit seinen EU-kritischen Äußerungen all unsere Bemühungen. Wenn er ein bisschen Rückgrat hätte, müsste er doch sagen: Ich höre auf bei Gazprom und setze damit ein Zeichen. Aber dazu ist er nicht in der Lage.

Kamen die Sanktionen gegen Janukowitsch nicht viel zu spät? Er ist ja faktisch längst abgesetzt.

Es ist noch viel Geld zu holen, das er in der Schweiz und in Österreich angelegt hat. Es müssen aber auch die Geschäftsbeziehungen zu seinen russischen Partnern überprüft werden, damit man da einschreiten kann.

Sie selbst haben einen Boykott der Fußball-WM 2018 in Russland ins Spiel gebracht. Ist das wirklich ein vernünftiges Mittel, um den russischen Präsidenten zu disziplinieren?

Auf jeden Fall. Ich fand das Verhalten von IOC-Präsident Thomas Bach bei den Olympischen Spielen in Sotschi widerlich. Er trat auf wie ein richtiger Stiefellecker. Kein kritisches Wort gegen Putin, nur Lächeln und Umarmungen. So etwas darf sich nicht wiederholen. Deshalb sage ich: Wenn die Krise anhält, müsste man Deutschland und die anderen großen europäischen Fußball-Nationen überzeugen, die Weltmeisterschaft zu boykottieren. Die ersten Qualifikationsspiele sind nicht mehr fern. Dann kann Putin eine Fußball-WM mit Simbabwe und Burkina Faso ausrichten. Die wäre dann nichts wert. Das würde ihn schon treffen.

Es würde aber auch Millionen Fußball-Fans hierzulande treffen. Ob die damit einverstanden sind?

Das weiß ich nicht. Das sind die Widersprüche, in denen wir alle stecken. Das will ich ja gar nicht leugnen. Aber wir müssen darüber reden.

Besteht nicht die Gefahr, dass Europa und Russland in eine Sanktionsspirale geraten, in der alle zu den Verlierern zählen? Schließlich ist man in vielerlei Hinsicht voneinander abhängig.

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Wenn man nichts macht, geht Putin als der große Sieger aus dem Konflikt hervor.

Aber um etwas zu bewirken, müsste die EU nach außen hin geschlossener auftreten. Wie kann sie das schaffen?

Das ist eine Debatte, die wir nicht jetzt, sondern an anderer Stelle im Europawahlkampf führen sollten.

Dann lassen Sie uns doch auf das ominöse abgehörte Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und dem estnischen Außenminister Urmas Paet zu sprechen kommen: Darin wurde angedeutet, nicht Janukowitsch, sondern die neue prowestliche Führung der Ukraine könnte für die Todesschüsse auf dem Kiewer Maidan verantwortlich sein. Was ist, wenn sich dieser Verdacht bestätigt? Müsste man dann auch die neue ukrainische Regierung sanktionieren?

Ja, dann müsste man die Schuldigen ebenso zur Verantwortung ziehen. Aber wissen Sie: Das Telefonat ist doch von den Russen mitgeschnitten und ganz gezielt der Öffentlichkeit zugespielt worden. Deshalb bin ich bei einer Bewertung vorsichtig. Grundsätzlich gilt: In der Welt von heute sollte man nichts ausschließen. Wir müssen alle lernen, dass das Leben nicht einfach schwarz-weiß ist. Revolutionen laufen nicht immer sauber ab. Doch jetzt muss man sich entscheiden, was man will. Unter Janukowitsch war die Ukraine jedenfalls keine Demokratie. Nun könnte sie eine werden.

Auf der Krim hat Russland bereits mit militärischen Mitteln Fakten geschaffen. Ist das überhaupt noch zu korrigieren?

Ich denke, am Ende wird die Einheit der Ukraine bestehen bleiben, mit einer stärkeren Autonomie der Krim. Im Moment läuft es allerdings so, dass Putin macht, was er will, und wir sagen nur: Och, was für ein lieber Kerl. Darum plädiere ich für ein entschiedeneres Auftreten.