Daniel Cohn-Bendit

Cohn-Bendit zu Grünen-Kampfkandidatur: "Ich wünsche mir, dass Rebecca Harms gewinnt"

Spiegel online - Interview vom 06.02.2014 

Den Grünen droht ein wilder Parteitag - doch Daniel Cohn-Bendit rät: "cool bleiben". Im Duell zwischen Ska Keller und Rebecca Harms um die Spitzenkandidatur für die deutsche Europaliste plädiert er für Harms, die Primary nennt er ein "Debakel".

 SPIEGEL ONLINE: Die Green Primary war eine Pleite - nun bringt ihr Ergebnis auch noch die Personalplanungen der deutschen Grünen durcheinander. Wozu raten Sie?

Cohn-Bendit: Mein Rat: cool bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Klingt gut. Aber wie soll das klappen?

Cohn-Bendit: Die Ausgangssituation ist nicht so, wie wir es uns gewünscht haben - in der Tat war die Primary ein Reinfall. Aber jetzt muss man mit dem Ergebnis umgehen: Es ist völlig legitim, wenn es nun eine Kampfabstimmung um Platz 1 zwischen Ska Keller und Rebecca Harms gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wem drücken Sie die Daumen?

Cohn-Bendit: Das ist doch klar: Ich wünsche mir, dass Rebecca Harms gewinnt. Ich habe viele Jahre mit ihr die Grünen-Fraktion im Europaparlament geführt. Sie verkörpert für mich die europäische Idee und hat die richtige Statur, um die deutsche Europaliste der Grünen anzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Statur hat Ska Keller aus Ihrer Sicht nicht?

Cohn-Bendit: Ska Keller war eine gute Abgeordnete. Sie hat in ihrem Ausschuss tolle Arbeit gemacht, aber ist erst seit vier Jahren im Europaparlament. Als deutsche Spitzenkandidatin sehe ich Ska Keller deshalb noch nicht. Zudem ist Rebecca Harms sicher die erfolgversprechendere Spitzenkandidatin für die deutschen Grünen. Auch deshalb wäre es richtig, sie auf Platz 1 zu wählen. Ich hoffe auf die Klugheit der Delegierten.

SPIEGEL ONLINE: Falls Rebecca Harms Spitzenkandidatin wird, droht einem anderen Prominenten ein schwerer Dämpfer: Dann will der Europaabgeordnete Sven Giegold auf Platz 2, der bisher für Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer reserviert war…

Cohn-Bendit: …und am besten sollte dann der junge Abgeordnete Jan Philipp Albrecht ebenfalls auf einem der vorderen Plätze antreten. Erneuerung ist doch gut!

SPIEGEL ONLINE: Bütikofer hat sich die Primary ausgedacht - wären Sie angesichts der Pleite traurig, wenn er auf dem Parteitag abgestraft wird?

Cohn-Bendit: Reinhard Bütikofer wollte nicht zuhören, wenn man auf die Fallstricke der Primary hingewiesen hat, deshalb trägt er die politische Verantwortung für dieses Debakel. Die Idee an sich war nicht schlecht, aber man hätte vor allem viel mehr Zeit für die Vorbereitung und Umsetzung gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Beteiligung der Primary so niedrig war, fürchten besonders die deutschen Grünen auch ein schlechtes Ergebnis bei der Europawahl. Teilen Sie diese Sorge?

Cohn-Bendit: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es wird in Deutschland eine Beteiligung zwischen 40 und 50 Prozent bei der Europawahl geben, da bin ich mir sicher. Und wenn die deutschen Grünen einen guten Wahlkampf machen, werden sie zwischen 13 und 15 Prozent holen. Aber dafür müssen sie klar sagen: Wir sind für ein föderales Europa - denn angesichts der Probleme in der Welt und der Globalisierung brauchen wir ein demokratischeres Europa, das besser funktioniert.