Daniel Cohn-Bendit

48. Theodor-Heuss-Preisverleihung am 20. April 2013

 

Meine Damen und Herren,

es ist zu viel des Guten. Ich möchte erst einmal ein paar Punkte vorausschicken. Ich finde es normal in einer Demokratie, dass es Protest gibt. Wir haben so oft draußen vor solchen Veranstaltungen gestanden, dass ich nur denjenigen gratulieren kann, die diese Protestform entdeckt haben. Es ist etwas, was unsere Demokratie braucht, und da gibt es nichts zu jammern. Wenn man eine Demokratie will, dann gehört dies dazu.

Um alles ein bisschen zu entkrampfen, möchte ich mit einem jüdischen Witz anfangen. Der ist ein bisschen umformuliert, das gebe ich zu:

Sieben Juden haben das Weltgeschehen unterschiedlich gedeutet.

Moses: Alles ist Gesetz.

Jesus: Alles ist Nächstenliebe.

Marx: Alles ist Geld.

Rockefeller: Alles ist Verkaufen.

Freud: Alles ist Sex

Cohn-Bendit: Alles ist Rebellion.

Einstein: Alles ist relativ.

Und da für die Medien, für die Journalisten und für Sie am Ende steht: „Hat er nun diesen Preis verdient?“, möchte ich einen zweiten jüdischen Witz anschließen. Und der geht so: Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen zwei Möglichkeiten, dann wählen Sie immer die dritte.

Meine Damen und Herren, das Zweite, was ich jetzt vorausschicken will, ist, ich habe mich vor 35 Jahren verletzt. Ich habe mich verletzt und andere verletzt. Ich habe vor 25 Jahren einen Text geschrieben, der, wenn man ihn heute liest, unerträglich ist. Einen Text, der 1975 in einem Buch erschienen ist und der 21 Jahre lang in Deutschland und Frankreich nicht skandalisiert wurde. Der aber nach all den Erfahrungen, und das haben heute viele Redner vor mir gesagt, die wir mit Gewalt an Kindern gemacht haben, so nicht hätte geschrieben werden dürfen. Ich weiß das, und ich weiß auch, dass die Empörung, die viele haben, wenn sie diesen Text lesen, gerechtfertigt ist. Was dann immer mit diskutiert wird, sind die Tabubrüche, die wir seit den 60er Jahren gemacht haben, weil ich ja gesagt habe, dass es eine unerträgliche Provokation war. Es war im Rahmen der Auseinandersetzung mit einer Sexualmoral, die repressiv war. Homosexualität war verboten. Es gab ein Gesetz, das verbat, wenn man eine Wohnung und ein Zimmer vermietete, zwei Menschen, die nicht verheiratet waren, nachts in einem Zimmer zu sein. Das nannte man den Kuppelei-Paragraf. Es ist unglaublich, was in den 60er Jahren war. Eine verheiratete Frau brauchte, wenn sie Arbeit aufnehmen wollte, eine schriftliche Erklärung ihres Ehemannes. Auch wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollte, das war in Frankreich der Fall. Onanie war des Teufels und für den Menschen schädlich. Man konnte davon krank, verrückt, irrsinnig werden. Das hat man Kindern damals erzählt, und zwar nicht ein paar Ausnahmen. Das war öffentliche Moral. Dagegen haben wir revoltiert. Und dagegen haben wir versucht, schlecht, wie wir es heute sehen, auch ich habe es versucht, über Kindersexualität, ihren Erfahrungshunger zu diskutieren. Dieses Buch ist, nachdem es herauskam, in den beiden Ländern auch rezensiert und nicht skandalisiert worden. 2001 ist es eben aufgrund der Erfahrung skandalisiert worden. Und es begann eine Kampagne gegen mich. Dagegen gibt es nichts zu sagen.

Nur zu der Frage: „Hat er es gemacht?“, haben Eltern und Kinder aus verschiedenen Kinderläden, in denen ich gearbeitet habe, einen Brief geschrieben. Es waren mehr als 15, die sich kollektiv geäußert haben und gesagt haben: „Wir haben es mehr oder weniger gelesen, wir haben das auch diskutiert. Wir können bezeugen - weil sie mit mir gewohnt haben -, dass es keine Übergriffe an Kindern gab.“ Das war der berühmte Brief, und alle haben sich darauf bezogen. Ich mache das so ausführlich, damit es endlich aufhört und damit endlich alle die gleiche Information haben. Dann können Sie den dritten Weg wählen oder den ersten oder den zweiten in der Entscheidung, ob ich überhaupt einen Preis haben soll, ob ich überhaupt noch existieren soll, ob ich mich verkriechen soll, ob ich einfach nur Auseinandersetzungen weiter trage.

Es gibt einen Journalisten von einer mir sehr geliebten Zeitung, der tageszeitung, der vorgestern ein Interview mit einer der Mütter gemacht hat. Diese Mutter ist die Erstunterzeichnerin des Briefs der Eltern, und sie erzählt in aller Offenheit einem taz-Journalisten. Das ist unsere Zeitung. Sie sagt: „Zuerst hatte ich das Buch gar nicht so im Kopf und dann habe ich die Kampagne gesehen – und der Vorwurf des Missbrauchs - das hielten wir für absurd. Wir haben miteinander gesprochen und einen Brief geschrieben. Mein Kind war in der zweiten Einrichtung von Dany’.“ Das erzählt sie, und sie erzählt über die Auseinandersetzung in dieser Zeit als Mutter. Sie ist Leiterin eines Frauengesundheitszentrums. Und dann lese ich gestern Abend und deswegen bin ich richtig sauer: „Mutter korrigiert ihre Entlastung Daniel Cohn-Bendits.“ Das lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, auf der Internetseite. Da sagte ich mir, jetzt verstehe ich nichts mehr. Das Interview, das eine Mutter der taz gegeben hat, wird als ein Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zitiert. Und dann wird gesagt, dass diese Frau revidiert. Die Versatzstücke des Interviews, werden in alter stalinistischer Methode so verkürzt, dass aus dem Interview genau das Gegenteil rauskommt. Nämlich: „Ich weiß gar nicht, was Dany Cohn-Bendit damals gemacht hat, ich war gar nicht dabei, ich war auf den Bahamas oder irgendwo.“ Und weil ich die Journalisten kenne, wird die nächste Frage sein, ist es eine Omertà? Nein, wir kennen uns alle seit 50 Jahren, und wir sind befreundet. Warum sind wir befreundet? Weil es keinen Grund gibt zwischen uns keine Freundschaft zu haben. Wäre ich das, was behauptet wird, wären sie mit mir nicht mehr befreundet. Und die Kinder wären nicht mehr mit mir befreundet, und die Kinder würden nicht zu meinem 68er-Geburtstag, zur großen Fete, die ich bald machen werde, kommen. Und deswegen möchte ich den Journalisten, die immer die Wahrheit wissen wollen, jetzt zum Schluss noch einmal etwas vorlesen. Ich weiß, das sollte man nicht machen, aber ich muss zugeben, manchmal ist zu viel zu viel.

Es ist ein Brief von einer Mutter, der an die tageszeitung ging, nachdem sie von diesem Artikel erfahren hat. Und zwar nicht, das müssen Sie sich klarmachen, von einer Mutter, die im zweiten Kindergarten, sondern von einer Mutter, die im ersten Kindergarten war. Ich lese kurz vor: „Mit Empörung muss ich feststellen, dass nun sogar in der taz ein Artikel von dem Autor Christian Füller erschienen ist, in dem Daniel Cohn-Bendit in die Nähe pädophiler Täter gerückt wird. Ich dachte, wir hätten als betroffene Eltern aus der Uni-Kita - das ist die erste von 1970 bis 1973 (Anmerkung) -, gemeinsam mit Eltern einer späteren Krabbelstube in einem offenen Brief im Jahre 2001 den Sachverhalt auch ausreichend aufgeklärt. Die Äußerung in dem Buch waren eine Fiktion und Provokation. Sie sollten schockieren. Wir haben in dem Brief damals schon erklärt, dass sie im Zeitkontext gesehen werden müssen. Sie sind und waren jedoch keine Beschreibung realer Vorkommnisse in der Kita. Weder die Eltern, mit denen ich noch heute befreundet bin, noch deren Kinder einschließlich meines Sohnes, haben jemals Dinge berichtet, die auf sexuelle Übergriffe hindeuten. Die Uni-Kita war sehr öffentlich und jede kleinste Begebenheit wurde intensiv diskutiert, daher sind wir in dieser Frage absolut sicher. Auch unsere Kinder, die sich noch gut an ihre Kita-Zeit und Herrn Cohn-Bendit als Betreuer erinnern können, sehen das genauso. Viele sind noch befreundet, sie sind selbst Eltern und erinnern sich gern an diese Lebensphase.“

Ich sage nur: Alle, die es wollen, kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, und ihr könnt das bis zu meinem Tod machen, das Recht habt ihr, aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht gemacht habe.

 

So, ich hoffe, wir können jetzt zum eigentlichen Grund meiner Anwesenheit kommen. Ich fange vielleicht so an:

68er sind keine Kunstgegenstände und Kulturgegenstände, die man nicht auch mal beiseite schieben darf. 68er haben die Wahrheit nicht gepachtet. 68er haben es auf wunderbare Weise verstanden, Richtiges und Falsches zu vermischen. Das ist der Ausgangspunkt meiner politischen Karriere. Nein, ist es nicht.

Es wurde mir vorgeworfen: „Warum hast du zu den Fällen der Odenwaldschule nicht Stellung genommen?“ Ich war in der Odenwaldschule. Ich ging mit 13 Jahren dorthin und habe dort 1966 Abitur gemacht. Meine Damen und Herren, und das möchte ich auch ein für allemal klären: Ich habe eine kurze Erklärung zu der Zeit abgegeben, über die ich empört, enttäuscht über die Odenwaldschule war. Das war die Zeit nach mir. Aber warum konnte ich nicht, nachdem das herausgekommen ist, dazu Stellung nehmen? Ich werde es Ihnen erklären.

Ich bin mit 13 Jahren, - ich musste, ich wollte nicht -, mit meiner Mutter nach Deutschland gekommen. Mein Vater war bereits früher nach Deutschland zurückgekehrt. Ich war Staatenloser, und mein Vater war sehr krank. Ich musste Paris verlassen, wo ich aufgewachsen bin. Ich war im Gymnasium. Ich habe nächtelang geweint. Ich wollte nicht weg. Ich kam in die Odenwaldschule. Warum die Odenwaldschule? Weil dort ein Lehrer war, Ernest Jouhy, der wie meine Eltern während des Krieges ein Kinderheim für jüdische Kinder geleitet hat, deren Eltern deportiert waren. Das war die einzige Schule 1958, die ich in Deutschland akzeptiert habe. Diese Schule hat mich aufgenommen. Ein Jahr später starb mein Vater, drei Jahre später starb meine Mutter.

Diese Schule hat mich aufgenommen. Dort habe ich meine ersten politischen Erfahrungen gemacht. Ich wurde mit 16 Jahren der jüngste Präsident des Schülerparlaments. Ich habe in der Odenwaldschule einen Wahlkampf in der Schule erfahren. Ich stand irgendwo im 1. Stock auf dem Fensterbrett und habe eine Wahlrede gehalten, warum sie mich wählen sollen. In dieser Schule habe ich Theaterspielen gelernt. Die größte Rolle, die ich gespielt habe, war Rumpelstilzchen. Ein Stück, das wir zusammen mit dem damaligen Schulleiter geschrieben und kollektiv inszeniert haben. Später habe ich selbst Theater mit jüngeren Schülern inszeniert. Ich habe in dieser Schule Diener zweier Herren von Goldoni gespielt. Ich habe in dieser Schule Le malade imaginaire von Molière gespielt. Diese Schule war für mich als Waise meine Heimat. Und noch Jahre danach, als ich diese Schule besuchte, - und zwar ab der ersten Kurve, wenn man das Hambachtal hochfuhr und die ersten Häuser der Schule sah -, hatte ich eine Beklemmung im Magen: Ich kam nach Hause.

Dank der Journalisten, auch des Journalisten, der mir heute, sagen wir, nicht immer wohl gesonnen ist, dank seiner Recherchen ist herausgekommen, was dann in den späten 70er, 80er Jahren in dieser Schule wirklich los war. Und ich war entsetzt, aber ich war gelähmt. Es war für mich unfassbar, und ich war unfähig, meine eigene Kindheit einfach zu löschen.

In Diskussionen in unserer Familie ging es hoch her, weil unsere Söhne, sogar meine Frau, eher der Meinung waren, die Schule hätte geschlossen werden müssen. Vielleicht ist es richtig, vielleicht ist es falsch. Ich sehe ein, dass ich mich trotz meiner Geschichte in diese Debatte hätte einmischen müssen. Ich werde irgendeine Form suchen, um es zu machen. Aber ich finde, die Gnade der späten Geburt sollte wenigstens im Kopf haben, dass es Momente im Leben gibt, Erinnerungen, die einen Menschen im Grunde genommen so geprägt haben, dass er sich nicht einfach mit einem Diskurs aus dieser Geschichte heraus stehlen kann und will.

Meine Damen und Herren, ich habe, wie gesagt, meine ersten politischen Erfahrungen, demokratischen Erfahrungen, in der Odenwaldschule gemacht. Und für die von der CDU, die im Moment, sagen wir hier, ein bisschen heftig auf mich reagieren: Meine erste politische Bewegung und Diskussion in der Odenwaldschule war mit dem damaligen Außenminister von Brentano. Er kam in die Odenwaldschule und hat mit uns über Politik und verschiedene Sachen diskutiert. Das hat anderthalb Stunden gedauert, dann musste er weg. So ist das bei Ministern und Staatsministern, irgendwann müssen sie weg, weil sie zu einem anderen Termin müssen, und dann sagte er: „Ich lade euch nach Bonn ein.“ Wir sind dann zwei Wochen später zu dritt nach Bonn gefahren und haben die Diskussion mit von Brentano fortgeführt.

 

Meine Damen und Herren, die 68er haben provoziert und das Falsche und das Richtige vermischt. Das kann ich mit einem Beispiel beschreiben: Wir haben gegen den Vietnamkrieg demonstriert – das war richtig. Wir haben aber dabei geschrieen: USA, SA, SS – das war schwachsinnig. Das Gleiche in einem Moment. Das, was wir immer unseren Eltern, nicht unseren, nicht meinen, aber diejenigen ihren Eltern vorgeworfen haben, nämlich relativieren zu wollen, haben wir mit einem Satz relativiert. Endlich konnten Deutsche sagen: USA ... SS ..., zum Glück. Wir waren nicht allein die Schlechtesten auf dieser Welt. Das Gleiche in Frankreich: Da haben wir mit Recht gegen die Polizei demonstriert. Wir haben besetzt, dann haben wir geschrieen: CRS   SS.

Diese republikanischen Polizisten und die erste große Erinnerung für mein politisches Weltbild, ist, was mich bis heute trägt. Als ich ausgewiesen werden sollte, hat sich der damalige Chef der Pariser Polizei, der Polizeipräfekt Maurice Grimaud, ein großer Widerstandskämpfer, am stärksten für mich eingesetzt, dass ich nicht ausgewiesen werde und er hat immer versucht, diese Ausweisung wieder zurücknehmen zu lassen. Er hat in seinen Memoiren etwas geschrieben, was mit zutiefst gerührt hat. Er hat gesagt: „Wenn es 1968 in Paris keinen Toten gab, muss man einen Mann dafür würdigen, das ist Dany Cohn-Bendit.“ Ich habe Maurice Grimaud vor ein paar Jahren kurz vor seinem Tod getroffen und es war emotional. Wir haben uns umarmt und er hat zu mir gesagt: „Es war schmerzlich, was ihr mit mir und dem Rektor der Universität Nanterre, Grappin, zwei Widerstandskämpfern, gemacht habt. Ihr habt uns als Nazis beschimpft. Das war nicht richtig, das war nicht gut, aber ihr habt auch etwas Richtiges gespürt. So wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, ist das nicht richtig, und das ist nicht gut.“ Von ihm haben wir diese Vermischung vom Richtigen und vom Falschen.

 

Ich könnte jetzt weiter erklären. Ich könnte meine Auseinandersetzung mit den Grünen über den Pazifismus erläutern, weil ich Herrn Schwarz-Schilling, CDU, hier sehe. Was haben wir nicht zusammen versucht, um die westlichen Mächte zu bewegen, das Morden in Bosnien zu beenden. Das war eine der schwierigsten Auseinandersetzungen, die ich in meinem Leben in meiner Partei geführt habe. Ich habe dann den Begriff des Panzerpazifismus geprägt. Die Panzerung einer Partei, stellvertretend wahrscheinlich für die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, dass nicht sein darf, was wir nicht wollen. Diese Auseinandersetzung kann ich nur mit einem erklären. Ich bin 1945 geboren. Ich bin mit der ersten biologischen Möglichkeit nach der Landung der Alliierten in der Normandie gezeugt worden. Nun stellen Sie sich vor, ich komme am 4. April 1945 zur Welt und sage meinen Eltern Folgendes: „Ihr müsst euch zwei Dinge merken. Erstens, wir müssen alle dafür sorgen, dass das, was wir hier erleben, was wir hier gesehen haben, nie wieder vorkommen kann. Und deswegen wird sich die Politik in diesem Europa so entwickeln, dass in 50 Jahren der Rhein keine Grenze mehr sein wird, sondern ein Binnenfluss. Die Oder wird keine Grenze sein, sondern ein Binnenfluss. Es wird keine Soldaten, keine Polizei an den Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Belgien und Frankreich geben – es wird ein Europa geben ohne Grenzen.“ Meine Eltern hätten Folgendes gesagt: „Wir haben ein Problem. Erstens, redet er zu früh und zweitens, nur Unsinn.“. Den Pazifisten kann ich nur sagen, weil sie immer sagen, es gibt keine positiven Ergebnisse nach einer Militärintervention: „Nein, Euer Ehren, es gibt wenigstens ein Gegenbeispiel: mich“. Wären die Alliierten nicht in der Normandie gelandet, wäre ich nie geboren worden. Deswegen kann ich nicht so eindimensional über Militärinterventionen nachdenken.

Diese Auseinandersetzung um Bosnien hat uns alle verändert. Es ist schwierig, aber eins bleibt und damit will ich es beenden. Im Zeitalter der Globalisierung stellen die Krisen, nämlich die Finanzkrise, die ökonomische Krise, die ökologische Krise und die demokratische Krise, - warum demokratische Krise?, weil nationale Souveränität von den Märkten einfach beiseite geschoben wird -, die Herausforderung an die Nationalstaaten dar. Im Zeitalter der Globalisierung wird die nationale Souveränität immer geringer. Wir sind Opfer der globalisierten Welt und können sie national nicht mehr gestalten. Das ist heute unser Problem.

 

Meine Damen und Herren, in 30 Jahren wird kein Mitgliedstaat der Europäischen Union Mitglied des G8 sein, Deutschland auch nicht. Sie können wählen: Indien, die Vereinigten Staaten, Russland, Brasilien, China, Japan. Dann werden Sie sagen: „Dann kommt doch Deutschland.“. Nein, nein. Mexiko, Indonesien werden die Welt gestalten. Jetzt müssen wir uns entscheiden. Wenn ich in Frankreich rede, sage ich: „Ja, die Zukunft Frankreichs als Nationalstaat wird sein, dass Frankreich in der Welt in 30 Jahren genauso viel Einfluss haben wird wie Luxemburg in Europa. Das ist für eine Grande Nation starker Tobak. Man kann wie Luxemburg leben wollen, es ist ein niedlicher Staat, es lebt sich gut, die sind sogar reich. Aber wenn ein Franzose nach der glorreichen Französischen Revolution seine Zukunft auf eine Luxemburger Perspektive reduziert, dann wird er unsicher und unruhig. Und das können Sie auch mit Deutschland machen. Wenn wir die Globalisierung mit den zivilisatorischen Errungenschaften, die wir gewonnen haben, die wir erkämpft haben, gestalten wollen, dann können wir das nur durch und mit Europa.

 

Mein einfachster Satz ist: So wie Europa heute funktioniert, kann es die Herausforderung nicht meistern und ohne Europa können wir die Herausforderung nicht meistern. Das ist unser Problem.

 

Ich bin angegriffen worden: „Dany, musstest du ein Buch mit einem Liberalen schreiben? Gab es keine andere Möglichkeit, als mit Guy Verhofstadt, Vorsitzender der liberalen Fraktion?“ Und Guy Verhofstadt hat mir erzählt, dass deutsche FDPler seiner Fraktion zu ihm kamen und sagten: „Guy, musstest du ein Buch mit Dany Cohn-Bendit, einem Grünen, schreiben? Gab es nicht eine andere Möglichkeit?“ Es gab viele, aber Guy und ich als Fraktionsvorsitzende haben Plenarsitzung nach Plenarsitzung gesagt: „So wie die Regierungen Europa gestalten, geht es schief.“ Und irgendwann hat er zu mir gesagt: „Sollen wir nicht zusammen versuchen, den Diskurs auf eine andere Ebene zu heben, auf eine, nicht eine Vision, aber eine Perspektive: die Vereinigten Staaten von Europa?“. Warum die Vereinigten Staaten von Europa? Ich weiß, das ist morgen. Ich weiß nicht, ob ich es erleben werde, aber wir stochern im Nebel. Wenn wir keine Orientierung haben, wenn wir nicht irgendwie wissen, wohin das gehen soll, dann werden wir uns immer im Kreis drehen. Das ist unser Vorschlag und das haben wir dafür entwickelt: Die Revolutionierung des Denkens über Europa. Einige sagen, das ist naiv. Das ist in Ordnung. Aber als Schumann angefangen hat, über Europa zu reden, war es immens naiv. Andere haben gesagt, wir müssen erst mal die Völker fragen. Richtig, Partizipative Demokratie. Aber meine Damen und Herren, hätte man 1954/55 einen Volksentscheid in Frankreich gemacht ‚Wollt ihr euch mit Deutschland versöhnen?’, das Ergebnis, ich kann es nicht ganz genau sagen, wäre aber zwischen 65 und 80 Prozent Nein gewesen. Ganz klar in dieser Zeit, der Narben, der Wunden, Schmerzen. Und so ist es auch heute. Am Nationalstaat wissen wir, was wir haben: Sicherheit, soziale Sicherheit mehr oder weniger. Wir halten, wir klammern uns daran fest und das verstehe ich. Aber irgendwann muss man verstehen, dass die Welt, so wie sie sich gestaltet, noch mal einen Sprung machen muss. Vor dem Nationalstaat gab es ja auch was anderes. Und die Geschichte entwickelt sich in langen Wellen. Und noch einmal, wenn ich darüber in Frankreich rede, erkläre ich den Franzosen: „Pass mal auf, die Identität der französischen Gesellschaft, links wie rechts, basiert auf der Französischen Revolution und der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Es ist auch wunderbar gewesen. Es gab einen ganz kleinen Fehler und es hat 150 Jahre gedauert, bis dieser Fehler korrigiert wurde. Nämlich: die Frauen erhielten in Frankreich das Wahlrecht erst 1945. Da sieht man, welche Prozesse eine Nation gemacht hat und machen musste. Auch das Grundgesetz hat die Grundlage der deutschen Demokratie nach dem Krieg formuliert. Aber dann hat sich die Gesellschaft entwickelt. Und diese Gesellschaft wird sich anders entwickeln. Heute, nach 40 Jahren, sieht Europa vielleicht besser aus als Frankreich nach 40 Jahren der Französischen Revolution. Wir werden Zeit brauchen, um dies zu gestalten.

Die Stärke, die ich habe, ist im Grunde genommen gleichzeitig die Schwäche meiner Generation. Wir haben in den 60er Jahren, das ist mein Gefühl, am Rad der Geschichte gedreht. Wir haben die Geschichte nach vorne gebracht, wir haben aber auch am Rad der Geschichte zurückgedreht. Es ist eine Erfahrung, dass man nicht nur einfach naseweis immer behaupten kann, man weiß, wie es geht und dass man den politischen Gegner nur als Gegner sieht. Dass man nicht zuhört, was er sagt, sondern dass ganz klar ist, wenn das andere Lager redet, dann ist alles von vornherein falsch.

 

Neue Wege in die Demokratie, da ich immer noch ein Träumer bin, nicht nur für Europa, träume ich, weil wir bald Wahlkampf haben, von einem Wahlkampf, der folgendermaßen geht: Die einen wie die anderen haben eine programmatische Vorstellung dessen, wie diese Republik, wie Europa sich weiterentwickelt, reformiert, verändert oder bewahrt sein soll. Ich frage mich, wie es wäre, wenn alle Parteien ihre Vision formulieren würden, aber auch gleichzeitig den Bürgerinnen und Bürgern erklären würden, welche Schwierigkeiten sie hatten, zu dieser Position zu kommen, und welche Risiken sie schon jetzt in dieser Perspektive sehen. Denn, meine Damen und Herren, wenn Sie am 22. September 2013 wählen werden, dann werden Sie nicht das kleinere Übel wählen. Die Zeit ist vorbei, sie werden unterscheiden. Und Sie werden sich zwischen Risiken entscheiden, dem Risiko der einen Partei, ob CDU/CSU, ob SPD, ob FDP, ob Grüne, ob Linke, und Sie werden mitverantwortlich sein. Nach der Wahl gibt es kein Jammern. Sie haben sich entschieden oder wie man sagt, der Souverän hat sich entschieden.

Wenn man aber in dem Wahlkampf mit den andern Konkurrenten die Risiken, Abwägungen öffentlich machen könnte? Ja, die Grünen. Wir glauben, dass wir wissen, wie die Energiewende zu vollziehen ist. Wir sind überzeugt. Wir haben eine Anmutung, dass wir glauben, sicher zu sein, dass wir überzeugt sein können. Das ist richtig. Wir wissen aber auch, dass zum Beispiel die Entwicklungen in der globalisierten Welt vielleicht unsere Ansätze korrigieren werden und alles schwieriger machen werden. Aber wir haben uns entschieden, weil wir meinen, die Energiewende ist das Wichtigste und als zentraler Punkt zu formulieren. Ich will das nicht für die anderen Parteien machen, ich will nur sagen, mein Traum ist, dass neue Wege in der Demokratie ein neues Denken in der Demokratie, eine Art der Auseinandersetzung, ermöglicht. Dies ist die einzige Möglichkeit. Sollte am 22. September kein Lager die Mehrheit allein haben. Was nun? Was dann? Wie geht’s? Und seht, was heute in Italien ist. Italien ist politisch schachmatt. Wenn wir das nicht wollen, dann sollten alle politischen Kräfte nicht diesen inhaltslosen Satz sagen: Alle demokratischen Parteien müssen miteinander koalieren können. Das ist es nicht. Wir Christdemokraten, wir Sozialdemokraten, wir Grünen, wir Freidemokraten sollen entscheiden, welche Teile der Positionen der anderen Parteien wir glauben, miteinander diskutieren zu können. Hätten wir so einen Wahlkampf, meine Damen und Herren, dann wären die Wahlabende im Fernsehen spannend, weil sie darauf ausgerichtet wären, dass man Erkenntnisse vermitteln will, und das fehlt in unserer Demokratie. Wenn der nächste Wahlkampf nur ein blöder Schlagabtausch wird, ist das verlorene Zeit. Wählt am nächsten Sonntag, dann haben wir es hinter uns und dann könnt ihr anfangen zu denken. Danke sehr.