Daniel Cohn-Bendit

"Friede, Freude, Eierkuchen - das ist Quatsch"

Der Spiegel - 22.03.2012 

Die Grünen streiten über die Aufstellung zur Bundestagswahl - aus Sicht von Daniel Cohn-Bendit kein Problem: Solche Debatten gehörten zur Politik, sagt der Chef der Grünenfraktion im Europaparlament. In Sachen Urwahl allerdings zeigt er sich skeptisch.

SPIEGEL ONLINE: Verspielen die Grünen im Moment ihren Kredit bei den Wählern?

Cohn-Bendit: Nein. Warum?

 

SPIEGEL ONLINE: Weil sie ihren Personal-Zoff so öffentlich zur Schau stellen, wie es Jahre nicht mehr der Fall war. Was läuft da falsch?

Cohn-Bendit: Gar nichts. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass es Auseinandersetzungen um Posten gibt. Das ist so in der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen zufolge honorieren die Wähler aber Personalquerelen nicht, sie wollen keine zerstrittenen Parteien.

Cohn-Bendit: Friede, Freude, Eierkuchen - das ist Quatsch. Die Wähler sind genervt, wenn die falschen Personalentscheidungen getroffen werden. Aber diese ganze Argumentation, es käme nicht auf die Personen, sondern nur die Inhalte an - das ist Humbug. Ein Programm ohne überzeugende Personen funktioniert nicht. Nehmen wir mal ein Beispiel: In Berlin waren die Grünen inhaltlich sicher gut aufgestellt, aber im Wahlkampf hat Renate Künast als Spitzenkandidatin nicht funktioniert. Das passte am Ende nicht mehr zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Dann schauen wir uns doch mal den anstehenden Bundestagswahlkampf an: Mit welchen Spitzenkandidaten sollten denn die Grünen aus Ihrer Sicht 2013 antreten?

Cohn-Bendit: Ich hatte nichts gegen eine Vierer-Combo einzuwenden. Aber da hab ich mich von den Gegenargumenten überzeugen lassen, vor allem mit Blick auf die beinahe unmögliche Koordinierung.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Problem hätte man mit einem Spitzenkandidaten nicht. Was spricht gegen Fraktionschef Jürgen Trittin, die starke Figur bei den Grünen, als Solist im Wahlkampf?

Cohn-Bendit: Die Solo-Lösung gab es bei uns ja nur ein einziges Mal, 2005 mit Joschka Fischer. Und nun muss man einfach mal feststellen, dass Jürgen Trittin eben nicht so ein Wahlkampfschwein wie Joschka ist. Der ist im Wahlkampf so richtig aufgeblüht, das habe ich bei keinem anderen Politiker beobachtet. Ja, Trittin verkörpert die Grünen im Jahr 2012 so wie niemand sonst in der Partei - aber mit ihm alleine im Wahlkampf würde etwas fehlen. Vor allem das emotionale Moment.

SPIEGEL ONLINE: Da fällt einem doch sofort Parteichefin Claudia Roth ein. Sie plädieren also für das Wahlkampf-Duo Trittin/Roth?

Cohn-Bendit: Nein. Aber das ist eine reale Möglichkeit. Denn das Problem ist doch derzeit: Es gibt kaum eine Alternative. Renate Künast, die 2009 gemeinsam mit Trittin antrat, ist nach dem gescheiterten Berlin-Projekt angeschlagen. Aber natürlich kann man sich auch noch ganz anders orientieren. Denken wir mal an Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die frühere Fraktionschefin - oder Rebecca Harms, meine Co-Fraktionsvorsitzende im Europa-Parlament.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen nicht gerade begeistert mit Blick auf das mögliche Duo Trittin/Roth. Was spricht aus Ihrer Sicht gegen diese Kombination?

Cohn-Bendit: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber das hat gar nichts damit zu tun, dass ich als Realo grundsätzlich etwas gegen ein Spitzenduo zweier Politiker vom linken Parteiflügel hätte. Mir geht es um etwas anderes: Sowohl Trittin als auch Roth sind beide Grüne, die sich schwer mit klaren Positionen tun, weil sie keinen Konflikt mit dem grünen Mainstream haben wollen. Das sehe ich schon als Problem.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Urwahl aus Ihrer Sicht das richtige Instrument, um das Spitzenduo zu küren?

 
Cohn-Bendit: Da bin ich mir nicht sicher. Sie ist zwar maximal demokratisch, aber eine Urwahl bietet auch keine Garantie für eine gute Entscheidung: In Frankreich haben wir Eva Joly mit großer Mehrheit zur grünen Präsidentschaftskandidatin gewählt - ein Riesenfehler. Sie ist eine tolle Frau, aber die falsche Kandidatin. Vielleicht wäre es doch besser, wenn am Ende ein Bundesparteitag über das grüne Spitzenduo entscheidet.

 

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen so, als seien Sie ganz froh, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben.

Cohn-Bendit: Das ist auch so. Aber als Mitglied der Grünen schaue ich natürlich schon sehr interessiert auf die weitere Entwicklung in dieser Sache. Am Ende zählt nur eines: dass der Bundestagswahlkampf funktioniert.

Das Interview führte Florian Gathmann