Daniel Cohn-Bendit

Gutti, ein Weihnachtsmärchen

Journal Frankfurt - 21.12.2011  

Daniel Cohn-Bendit über die Sinnkrise der FDP, ein Jahr mit Höhe- und Tiefpunkten, Bundespräsident Christian Wulff und die Eintracht nach der Hinrunde.
Das ist unser letztes Interview für 2011. Wie war Ihr Jahr?
Es war anstrengend. Es gab Hochs und Tiefs - sowohl persönlich als auch gesellschaftlich.

Was waren Ihre Höhepunkte?
Das ich krank war und wieder gesund bin, war mein persönlicher Höhepunkt. Mein politischer Höhepunkt war, dass ich zum Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Europäischen Parlament gewählt wurde. Ansonsten gab es nur anstrengende Tiefpunkte wie die Eurokrise.

Der FDP-Generalsekretär Christian Lindner ist überraschend zurückgetreten. Konkrete Gründe nannte er nicht. Was vermuten Sie?
Er hat die Nase voll gehabt.

Von was?
Von der FDP, der politischen Situation, von Guido Westerwelle, Philipp Rösler und sich selbst.

Kann sein Nachfolger Patrick Döring die FDP noch retten?
Nein.

Kann überhaupt noch jemand die Partei retten?
Nein.

Bundespräsident Christian Wulff ist in die Kritik geraten, weil er einen Privatkredit von einer Bekannten angenommen hat. Ist er noch glaubwürdig?
Der Arme hat damals ein neues Leben angefangen, mit einer jungen Frau. Und jeder weiß, dass eine junge Frau teuer ist. Dann hat er einen gnädigen, reichen Schrotthändler getroffen, der ihm Geld gab. Er hätte einfach nur ehrlich sein müssen, dann wäre alles halb so schlimm.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurück auf der großen Bühne. In der EU-Kommission ist er jetzt für die Internetfreiheit zuständig. Was sagt man dazu?
Das ist eine skurrile Geschichte. Er ist jetzt Hilfsarbeiter und Lehrling bei einer EU-Kommissarin und lernt, wie man am Computer Anführungsstriche macht. Das ist eine Wiedereingliederungsmaßnahme in die Gesellschaft - und für mich ein Weihnachtsmärchen.

Kommen wir zur Frankfurter Politik: Boris Rhein ist jetzt auch offiziell zum Thronfolger von Petra Roth gekürt worden. Für Wirbel im hessischen Landtag sorgte er, weil er das absolute Nachtflugverbot verlangt. Woher kommt sein Sinneswandel?
Er ist der typische CDU-Politiker. In Frankfurt ist er für ein Nachtflugverbot. Aber in der Landesregierung, die Revision gegen das Verbot eingereicht hat, ist er dagegen. Sein Motto: Ein Rückgrat habe ich nicht, aber die Nase im Wind.

Kommen wir zur Eintracht: Es ist Winterpause. Ihre Resonanz nach der ersten Hälfte der Saison?
Die Zeit zeigt, dass es schwierig ist. Die Gefahr in der zweiten Runde der Saison wieder abzubauen ist da. Aber es wäre sehr traurig. Deshalb sage ich: Die Zukunft ist schwer. Es gibt viel zu tun.

Und was wünschen Sie sich für 2012?
Dass endlich die handelnden Personen in der Europäischen Union das tun, was sie tun müssen. Sie dürfen uns nicht weiter zu einer Fiskal-Union machen. Wir müssen eine Solidar-Union werden und die Wirtschaft ankurbeln.
Die Fragen stellte Julia Lorenz