Daniel Cohn-Bendit

EU-Staaten sind blind für einen Ausweg

Kurier, 21. Juni 2011 

EU-Parlamentarier Cohn-Bendit kritisiert das Krisen-Management der EU und ruft zu gemeinsamer Verantwortung auf
Der Chef der Grünen im Europäischen Parlament,  Daniel Cohn-Bendit, beschuldigt die  EU-Regierungen der „Blindheit gegenüber Griechenland“, weil  sie den Menschen keine Alternative aufzeigen. 
 
KURIER: Herr Abgeordneter, was erwarten Sie  vom EU-Gipfel  diese  Woche?
Daniel Cohn-Bendit:  Eine Debatte, was in Griechenland investiert werden muss.   Das Land darf  nicht ohne Alternative bleiben, es darf nicht dem  Tod oder Selbstmord überlassen werden. Das Drängen der Regierungschefs und Finanzminister auf Anstrengungen Griechenlands ist richtig. Mich erschreckt aber, dass    die  EU-Staaten  blind für einen Ausweg und die  Möglichkeit einer neuen Dynamik sind.  Der Gipfel wird die Blindheit der  Regierungschefs   nur  verstärken. 
 
 KURIER: Wie bewerten Sie das Krisenmanagement der  EU gegenüber Griechenland?
 Daniel Cohn-Bendit: Es   ist  eindimensional und dient  nur dazu, die Märkte zu beruhigen. Die Bevölkerung wird dabei nicht bedacht, weder in Griechenland  noch  anderswo. Das Management der Krise eröffnet keine Perspektive. Das ist der große Fehler. Es kann nicht sein, dass man Sparprogramme erzwingt, ohne  den Menschen eine  Perspektive zu eröffnen.  
 
 KURIER:  Naht das  Ende der EU?
Daniel Cohn-Bendit: Es ist eine Situation, in der sich die EU weiter erfinden muss.  Es ist  ganz klar, dass die EU  eine Transferunion wird, was viele nicht wollen.  Wenn man eine gemeinsame Währung und einen  gemeinsamen Markt hat, hat  man auch eine  gemeinsame Verantwortung.   Europa ist gezwungen, sich zu vertiefen, das  heißt auch,  eine Transferunion zu sein.
 
KURIER: Macht sich jetzt negativ bemerkbar, dass die EU keine Politische Union ist?
Daniel Cohn-Bendit: Jetzt müssen wir die Bedingungen dafür schaffen. Bestimmte politische Situationen erzwingen immer Reformen. Den Euro würde es  ohne  die deutsche Einheit   nicht geben.      In Krisen  zeigt sich, dass Dinge, die unterlassen wurden,  dann gemacht werden müssen. Das ist so in der Demokratie.    Demokratie  ist keine Wissenschaft, wo man auf  dem Schachbrett   immer das Richtige macht.
 
KURIER: Lernen aus Fehlern – ist das Demokratie? 
Daniel Cohn-Bendit: Man wird gezwungen , aus Fehlern zu lernen. Das ist das Wesen der Demokratie.
Die Außenpolitik der EU ist jämmerlich. Warum?
Lady Ashton, die  Hohe Beauftragte für die Außenpolitik,  interpretiert ihre Rolle als Koordinatorin der Außenpolitik der 27 Mitgliedsländer, sie gibt keine Impulse.  Das ist ihr Fehler. Sie soll durch eigene Initiativen  die 27 herausfordern und damit eine Bewegung erzwingen. 
 
KURIER: Erfasst der arabische Frühling auch die EU?
Daniel Cohn-Bendit: Der   arabische Frühling ist  die  Sehnsucht nach Demokratie.   Die Ungerechtigkeit  im  ökonomischen System hat  Menschen zur Revolte gebracht.   Ein Demonstrant in Spanien  hat auf die Frage, ob es ein  Protest  gegen das System ist, treffend geantwortet: ,Nein,   das System ist gegen uns.’ Unser System drängt Menschen hinaus.  Das zeigt sich auch in Griechenland. Die Strategie des Sparens  drängt Menschen aus dem System.  
 
KURIER: Ist das Hinausdrängen der Menschen     aus dem System der  Grund für  die  zunehmende Europa-Skepsis?
Daniel Cohn-Bendit: Die EU-Skepsis ist eine  Fortsetzung  der Skepsis der Menschen gegenüber der    nationalen Politik.    Ein Teil sucht  Sicherheit, die ihnen das System nicht gibt.  Sie träumen  von  einem Zurück. Es gibt in der Gesellschaft einen reaktionären Teil, der sich von einer   autoritären  Gesellschaftsform einfach mehr Sicherheit erwartet. Das hat auch  Tradition in Österreich.
 
KURIER: Wie drückt sich das aus?
Daniel Cohn-Bendit: Österreich  ist eines   der Länder, das am wenigstens eine   öffentliche Debatte über die Verantwortung    in  der Geschichte geführt  hat.   Österreich profitiert, so wie auch Deutschland, enorm von der EU.   Gleichzeitig  erträumt sich FPÖ-Chef Strache ein Österreich außerhalb  der EU. Das wäre eine Katastrophe  für Ihr Land. Käme Strache an die Macht  und würde er das realisieren, wovon  er  träumt, würden die Österreicher merken,  in welche Sackgasse   er sie führt.

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