Daniel Cohn-Bendit

Die Hoffnung stirbt zuletzt - im Nahost wie im Fußball

Journal Frankfurt vom 14.9.2010 

Der PflasterStrand-Gründer und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit nimmt alle 14 Tage im Journal Frankfurt zur Lage der Nation im Allgemeinen und zur Lage der Stadt Frankfurt im Speziellen Stellung. Spontan am Telefon und natürlich nicht ohne ein Augenzwinkern...

Mein Vorschlag ist, dass wir nicht mehr großartig über Thilo Sarrazin reden.

Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank, diesem Mann so ein Forum zu geben. Es sind ja nicht einmal neue Themen, die er nennt, alles ist in der einen oder anderen Form schon einmal diskutiert worden. Ich kann es nicht anders sagen als so: Thilo, der Sarrazene, nervt.

Seinem erzwungenen Rücktritt ist er nun zuvorgekommen …

Ich war dagegen, dass er rausfliegt. Er repräsentiert einen Teil eines realexistierenden Deutschlands. Auch wenn er nervt.

Wo wir gerade Ihre Nerven strapazieren – wie finden Sie eigentlich die Laufzeitverlängerungen bei den deutschen Atomkraftwerken?

Letztendlich wird die Geschichte beim Bundesverfassungsgericht landen – lehnt es die Verlängerung ab, dann ist das der Super-GAU für Angela Merkel. Sie muss dann auf Umweltminister Röttgen zugehen, der mit dem ökologisch-denkenden Flügel der CDU zu den großen Verlierern gehört – und sich zugleich vom Atomflügel entfernen.

Die Grünen klettern derweil in den Umfragen auf 21 Prozent. Das ist doch irgendwie beängstigend …

Nein, das zeigt nur, dass es sich lohnt, Ruhe und Umsicht auszustrahlen. Und damit die Gewissheit, diese Republik einmal ganz anders zu gestalten, als das derzeit geschieht.

In Stuttgart protestieren die Bürger unermüdlich gegen die Tieferlegung ihres Hauptbahnhofs. Das Projekt Frankfurt 21 gab es auch mal – das wurde recht schnell wegen der horrenden Kosten beerdigt. Warum macht das die politische Klasse im Ländle nicht auch?

Das ist ein Beispiel für eine Politik, die sich verbohrt hat. Es gibt offenbar keine checks and balances mehr.

Die Politiker verweisen ja auf die Wahlen, in denen die Bürger das Projekt indirekt unterstützt hätten.

Ich bezweifle aber, dass sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn das Projekt, wie es derzeit abzusehen ist, finanziell und bautechnisch absäuft.

Kommen wir nochmal zur Weltpolitik. In Israel soll ein neuer Anlauf für dauerhaften Frieden unternommen werden. In einem Jahr soll es soweit sein. Haben wir das nicht schon sehr, sehr oft gehört?

Ich gebe mal ein Beispiel: Die französische Nationalmannschaft hat fünfzehn Mal hintereinander verloren. Hätte irgendwer gedacht, dass diesem Team ein solcher Sieg wie jetzt gegen Bosnien-Herzegowina gelingt? Nein! Geschehen ist es aber trotzdem. Genauso ist es auch beim Nahost-Konflikt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und damit sind wir schon beim Sport. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat gewonnen, 6:1 gegen Aserbaidschan. Dessen Trainer Berti Vogts spricht von den Deutschen als bester Mannschaft der Welt. Satire?

Ich weiß nicht, ob ich Berti Vogts schon jemals ernst nehmen konnte. Die Deutschen sollen erstmal Europameister werden und dann sehen wir weiter.

Zum Schluss zur Eintracht, die dieses Jahr einen Millionenverlust verbuchen muss. Hat sie sich mit ihren Einkäufen zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Die Investitionen mögen mutiger als sonst gewesen sein, aber es waren die falschen. Ich sage nur Bellaïd. Ich sage nur Korkmaz. Die Eintracht hat falsch riskiert.

Immerhin hat Caio beim ersten Heimspiel mal länger gespielt, so wie Sie das immer fordern …

Der muss sich entwickeln. Spielt er so weiter wie jetzt, ist auch er eine Fehlinvestition.

Die Fragen stellte Nils Bremer