Daniel Cohn-Bendit

Wer wird Präsident?

Journal Frankfurt vom 8. Juni 2010 

Der PflasterStrand-Gründer und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit nimmt alle 14 Tage im Journal Frankfurt zur Lage der Nation im Allgemeinen und zur Lage der Stadt Frankfurt im Speziellen Stellung. Spontan am Telefon und natürlich nicht ohne ein Augenzwinkern...

In den vergangenen zwei Wochen seit unserem letzten Gespräch ist viel passiert. Eine Sache aber ist geblieben: Aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko tritt immer noch Öl aus. Wie lässt sich BP zur Rechenschaft ziehen?

Ich glaube, der Konzern wird genug damit zu tun haben, für die Schäden aufzukommen, auch jenen, die an den Küsten auftreten.

Wird bei einem Gewinn von 25 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr vielleicht noch zu verschmerzen
sein ...

Nicht unbedingt, das wird eine teure Sache. Und der Aktienkurs leidet auch. BP muss die Hauptlast tragen – und wird dies spüren.

Kommen wir vom Austritt zum Rücktritt, angefangen mit Bundespräsident Horst Köhler. Verstehen Sie sein Handeln?

Offensichtlich hat er keine Lust mehr gehabt. Was ich nicht verstehe ist die ganze Lästerei darüber. Natürlich wird gesagt: Er hat den Oskar gemacht, so wie einst Lafontaine. Aber warum muss denn ein Politiker immer standhaft sein, warum darf er nicht sagen: das war’s für mich?

Ihr Parteifreund Jürgen Trittin wurde mit seiner Kritik an den Afghanistan-Äußerungen Köhlers als Auslöser genannt.

Mag sein, dass dies das Tröpfchen war, dass das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Interessant ist aber doch auch, dass Köhler von der Bundesregierung bei der Finanz-krise nicht zu Rate gezogen wurde. Dabei wäre er doch als ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds ein guter Ansprechpartner gewesen. Auch dies mag ihn gewurmt haben.

Jetzt soll Christian Wulff ihm nachfolgen …

Ja, seltsam. Ich fand ja den Vorschlag von Angela Merkel mit Ursula von der Leyen gar nicht verkehrt.

Das kann aber nicht Ihre wahre Favoritin gewesen sein?

Gewiss nicht.

Und?

Das spielt doch keine Rolle. Schwarz-Gelb hat die Mehrheit in der Bundesversammlung, wie sollten andere Parteien da einen Kandidaten durchbringen?

Joschka Fischer hätte eher als Joachim Gauck die politischen Farben versöhnen können …

Ach, Joschka will kein Staatspräsident sein, Joschka wird kein Staatspräsident werden. Was spielt das also für eine Rolle?

Immerhin bekommt Angela Merkel nun kein Kompetenzproblem in ihrem Kabinett. Ein anderer Rücktritt, der die Bundeskanzlerin beschäftigen dürfte, ist der von Roland Koch. Werden Sie ihn vermissen?

Der Roko will halt mal richtig Geld verdienen, ist ja auch in Ordnung. Vermissen werde ich ihn gewiss nicht.

Ich habe mich nur gefragt, über wen wir an dieser Stelle in Zukunft so trefflich lästern sollen?

Ach, der Bouffier ist auch eine interessante Person. Auf den sollte sich die hessische Opposition jetzt mal einschießen.

Bringt das denn was?

Klar ist doch, dass es jetzt eine rot-grüne Perspektive für die kommende Legislaturperiode gibt. Daran muss man arbeiten!

Wenden wir uns dem Sport zu. Die Weltmeisterschaft in Südafrika beginnt – und Ihr Favorit sind bestimmt nicht die Deutschen, oder?

Ach, die Deutschen, die Deutschen. Ich sag mal so: Wenn sie es bis ins Viertelfinale schaffen, dann kann der Bundestrainer schon sehr glücklich sein. Mehr ist nicht drin.

Die Mannschaft ist ja auch vom Verletzungspech verfolgt ...

Nicht mehr und nicht weniger als andere Mannschaften auch. Jeder hat Verletzungs-pech.

Also setzen Sie, wie in der Vergangenheit auch, wieder auf Brasilien?

Nein. Ich wette darauf, dass die Elfenbeinküste gewinnt. 150 Euro habe ich gesetzt, und weitere 50, dass sie im Endspiel gegen Brasilien spielen.

Das ist nicht Ihr Ernst!

Nun, ich bin dafür, dass eine afrikanische Mannschaft gewinnt, und dort zähle ich die Elfenbeinküste am ehesten zu den Favoriten. Die würden auch von den Süd-afrikanern kräftig unterstützt – und falls sie gewinnen, dann feiert ein ganzer Kontinent. Das wäre ein richtiges Fest.

Und wenn Sie Realist wären?

Wäre es doch langweilig. Klar, Spanien gegen Brasilien würden wir alle gerne sehen. Spanien gegen Brasilien wäre schön. Brasilien gegen die Elfenbeinküste wäre geil.

Die letzte Frage zur Eintracht: An deren Aufsichtsratsspitze steht nun der einstige Flughafen-Chef Wilhelm Bender. Gute Entscheidung?

Der kann wenigstens genug Geld herbeischaffen.

Damit ließen sich dann auch Einkäufe tätigen wie den von Lionel Messi, den Sie vor einigen Wochen hier vorschlugen.

Ganz genau. Dieses Ziel müsste doch Benders Ehrgeiz beflügeln.

Die Fragen stellte Nils Bremer