Daniel Cohn-Bendit

Grüne Meilenstiefel

Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 19. Juni 2010 

Verdammt lang her, dass Joschka Fischer Turnschuhminister war. Im FR-Interview spricht Daniel Cohn-Bendit über den langen Marsch der Grünen.

Herr Cohn-Bendit, erkennen Sie die Grünen von vor 30 Jahren heute noch wieder?

Ach, wissen Sie: Erkennen Sie sich noch wieder?

Ja.

Na ja, gut. Vor 30 Jahren, das war eine ganz andere Zeit. Die Grünen fingen an, sich durchzusetzen. Heute sind die Grünen aus dem Parteienspektrum in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Das finde ich einfach eine großartige Leistung.

Der Gründungskonsens hieß: ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei. Was ist davon geblieben?

Das ist doch, Entschuldigung, eine unsinnige Frage. Es wäre schlimm, wenn die Partei noch so wäre wie vor 30 Jahren. Ich verstehe nicht, warum ich legitimieren muss, dass das Wort basisdemokratisch heute einfach keinen Sinn mehr hergibt. Ich sehe auch, dass das Wort gewaltfrei angesichts der Auseinandersetzungen, die es in dieser Welt gibt, nicht so ungebrochen genutzt werden kann wie vor 30 Jahren. Die Realität zwingt uns zu einer Veränderung.

Die CDU, einst Feindbild Nummer eins der Grünen, ist heute Koalitionspartner in Frankfurt. Haben sich nur die Grünen verändert oder auch die Christdemokraten?

Natürlich hat sich auch die CDU verändert. Glauben Sie, dass es vor 30 Jahren einen schwulen CDU-Ministerpräsidenten hätte geben können? Die Realität zwingt alle Parteien, ihr Programm weiterzuentwickeln und zu erneuern.

Sie haben schon 1978 für die Grüne Liste Hessen kandidiert. Warum sind Sie erst sechs Jahre später der Partei Die Grünen beigetreten?

Na ja, für mich war das ein sehr diffiziler Einstieg. Ich sah die Parteigründung skeptisch. Ich fand sie notwendig. Aber ich empfand die Kultur, die so eine Partei sofort entwickelt, befremdend. Ich fand es auch richtig, dass dann versucht wurde, in den Bundestag hineinzukommen. Aber die Auseinandersetzungen, die es gleich gab zwischen Realos und Fundis, waren doch bezeichnend dafür, wie schwierig es ist, Prozesse der Veränderung einzuleiten und durchzustehen.

Von Hessen ging ein großer Schub für die Grünen-Realos bundesweit aus, personifiziert durch Joschka Fischer, Tom Koenigs, Daniel Cohn-Bendit. Warum war Hessen dafür prädestiniert?

Weil es in Hessen, in Frankfurt eine sehr intensive Auseinandersetzung gab. Viele, auch Joschka, waren der Parteigründung gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Dann war aber durch intensive Diskussion klarer, was wir wollten mit den Grünen. Wir wollten schließlich auch auf parlamentarischer Ebene die Machtverhältnisse verändern.

Sie gehörten als Multikulti-Dezernent in Frankfurt zu den ersten wichtigen Funktionsträgern der Grünen. Wie hat die Übernahme von Verantwortung die Grünen verändert?

Das ist das Interessante, dass die Verantwortung die Grünen zwingt, ganz anders mit der Realität umzugehen. Sie müssen halt das, was sie behaupten, auch umsetzen. Wenn sie demokratisch denken, können sie nicht gegen die Menschen etwas machen. Das ist in der Tat schwieriger.

Parallel zum Grünen-Fest debattiert der FDP-Landesparteitag über die Forderung nach einem Rücktritt von Guido Westerwelle. Ist das das schönste Jubiläumsgeschenk?

In der Tat ist das, was die Bundesregierung macht, was die FDP macht, mehr als kurios. Im Grunde müsste man fordern, dass Brüderle, Westerwelle und Rösler zurücktreten. Es sind einfach Nullnummern in dieser Regierung. Ich glaube aber nicht, dass die hessische FDP das beschließen wird.

Heißt das, die Grünen sind der Stabilitätsfaktor und das Chaos haust bei den anderen?

Ja. Man kann das gut an Westerwelle und Joschka vergleichen. Es wurde viel belächelt, dass der Joschka gesagt hat, erstmal müssen wir uns so adaptieren, dass wir als Außenminister oder Umweltminister ernst genommen werden, dass wir das können. Das wurde am Anfang kritisiert. An Westerwelle sieht man, wie recht Joschka hatte. Man kann nur was gestalten, wenn man zeigt, dass man es kann. Westerwelle zeigt, dass er es nicht kann. Das zeigt auch, welche Leistung die Grünen vollbracht haben in den ersten Jahren der rot-grünen Regierung, sich das Handwerkszeug des Regierens zu erarbeiten.

Würden Sie sagen, die Grünen haben das Land Hessen verändert und die Republik verändert?

Mehr. Der Vorstoß der Grünen mit dem Staatsbürgerrecht hat diese Republik massiv verändert. Die CDU müsste uns doch für die Leistung bei der Fußball-WM dankbar sein. Cacau hätte nie die deutsche Staatsbürgerschaft gekriegt. Nie! Özil wäre nicht da. Khedira wäre auch nicht da. Die tun so, als wenn das vom Himmel gekommen wäre. Elf Spieler haben Migrantenhintergrund. Das ist die Generation M.

Generation M?

Ich meine die Generation Multikulti!

Herr Cohn-Bendit, was wünschen Sie Ihrer Partei zum Geburtstag?

Ich wünsche meiner Partei, dass Gauck Präsident wird. Damit fällt die Bundesregierung, es gibt Neuwahlen, und dann müssen die Grünen ein zweites Mal zeigen, was sie können. Nämlich in Zeiten der Krise regieren.

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